DC-Kabelverlust bei warmem Leiter: Sensitivitätsrechnung statt Festwert
16.10.2026
Ein Leiter hat keinen temperaturunabhängigen Widerstand. Der Beitrag vergleicht Herstellerwerte für einen Kupfer-Solarkabeltyp bei 20 und 90 °C und zeigt, was eine feste Stromannahme für die Verlustrechnung bedeutet.
Warum 20 °C nicht jede Betriebssituation abbilden
Ein DC-Kabelverlustrechner braucht einen Widerstandswert. Wird dafür ein bei 20 °C angegebener Wert eingesetzt, ist das eine Referenz für genau diese Temperatur – keine Garantie, dass der Leiter im Betrieb ebenfalls 20 °C hat. Bei warmem Leiter ist der Widerstand höher; bei gleichem Strom steigt damit auch die Verlustleistung. Für eine nachvollziehbare Sensitivitätsrechnung ist deshalb entscheidend, welcher Wert zu welchem Leiter gehört. Als konkretes, aber ausdrücklich nicht universelles Beispiel dient hier das H1Z2Z2-K-Solarkabel von TANO: Der Hersteller bezeichnet seinen Leiter als flexibles, verzinntes Kupfer der Klasse 5. Für die Ausführung 10 mm² führt das Datenblatt maximale DC-Widerstände bei 20 °C und 90 °C auf. Die Produktseite nennt für feste Installation −40 bis +90 °C. Diese Angaben passen zu einem Vergleich der beiden ausgewiesenen Temperaturen, nicht automatisch zu jedem Kabel oder jeder Installation.
Zuerst den Kennwert dem tatsächlichen Leiter zuordnen
Vor jeder Rechnung sollten Aufdruck, Querschnitt, Material und möglichst die konkrete Artikel- oder Typnummer des installierten Kabels geprüft werden. Ein allgemeiner Tabellenwert für „Kupfer“ ersetzt keine Herstellerangabe, wenn Konstruktion, Querschnitt oder Leiterwerkstoff abweichen. Hier ist der verwendete Kennwert kein frei gewählter Kupfer-Standard: Es sind die veröffentlichten maximalen DC-Widerstände des genannten 10-mm²-Kabels. Die Daten beziehen sich auf den Leiter. Sie beschreiben nicht automatisch den Gesamtwiderstand von Sicherungen, Schaltern, Steckern oder Klemmstellen. Victron weist darauf hin, dass Verbindungen zusätzlichen Widerstand beitragen können. Wer reale Gesamtverluste abschätzen will, sollte solche Beiträge nicht stillschweigend dem Kabelwert zuschlagen oder als null annehmen.
Szenario mit zwei Leitern und konstantem Strom
Angenommen werden 10 m Hinleiter und 10 m Rückleiter desselben 10-mm²-Kabels, also insgesamt 20 m Leiterlänge, sowie ein konstanter Strom von 20 A. Es handelt sich um ein Rechenbeispiel, nicht um eine Messung und nicht um eine Anlagenempfehlung. Bei 20 °C ergibt sich für den gesamten Leiterweg: 1,95 Ω/km × 0,020 km = 0,039 Ω. Mit P = I²R folgt 20² × 0,039 = 15,6 W. Bei 90 °C ergibt der Herstellerwert 2,486 Ω/km × 0,020 km = 0,04972 Ω; daraus werden 20² × 0,04972 = rund 19,9 W. Unter diesen ausdrücklich gesetzten Annahmen liegt die berechnete Verlustleistung bei 90 °C also rund 27,5 % über dem Ergebnis bei 20 °C. Die Prozentzahl ist das Verhältnis der beiden Szenarien, keine pauschale Temperaturkorrektur für alle Kupferkabel.
Temperaturwerte nicht mit zulässiger Belastbarkeit verwechseln
Die 20- und 90-°C-Zahlen sind Widerstandswerte für einen bestimmten Kabeltyp; die angegebene Temperaturbewertung des Produkts ist eine separate Herstellerinformation. Daraus folgt weder, dass ein installierter Leiter im Betrieb 90 °C erreicht, noch dass der Beispielstrom für diese Verlegung zulässig wäre. Auch ein niedriger berechneter Spannungsabfall oder Verlust ersetzt keine Dimensionierung. Für die Auswahl des Kabels müssen unter anderem die tatsächliche Strombelastung und die Bedingungen der Anlage berücksichtigt werden. Victron formuliert den Einstieg in die Kabelauswahl entsprechend über die zuerst bekannten Systemströme. Für verbindliche Auswahl und Schutzmaßnahmen sind die konkreten Produktunterlagen und die für die Anwendung geltenden Anforderungen maßgeblich.
So lässt sich der Rechnerwert sinnvoll ergänzen
Der DC-Kabelverlust-Rechner lässt sich als Grundrechnung nutzen. Für eine Temperatur-Sensitivität können dieselben Leitungslänge und derselbe Strom mit zwei belegten Widerstandswerten erneut gerechnet werden: erst Referenztemperatur, dann die passend dokumentierte höhere Temperatur. Beschriftung wie „20 °C – Herstellerwert“ und „90 °C – Herstellerwert“ hält die Annahmen sichtbar. Wenn nur ein Widerstand bei 20 °C vorliegt, sollte ein höherer Temperaturwert nicht aus einer vermeintlich universellen Kupferzahl abgeleitet werden, ohne Material und Kennwertbezug zu prüfen. Besser ist ein Datenblatt, das Widerstände für mehrere Temperaturen nennt. Fehlt dieses, kann man eine Annahme als solche offenlegen, aber nicht als Messwert oder Herstellerfreigabe ausgeben.
Was aus dem Vergleich folgt – und was nicht
Der Vergleich beantwortet eine begrenzte Frage: Wie empfindlich reagiert die Verlustleistung im gewählten Beispiel auf den vom Hersteller ausgewiesenen Widerstandsunterschied zwischen 20 und 90 °C? Er liefert keine Aussage über die tatsächliche Leitertemperatur, die Erwärmung im Betrieb oder die Sicherheit der Installation. Dafür fehlen unter anderem Messwerte und Angaben zur konkreten Verlegung, Umgebung und Kontaktierung. Der nützliche nächste Schritt ist daher nicht, einen pauschalen „Warmleiter-Faktor“ auf jeden Rechnerwert anzuwenden. Stattdessen den realen Leiter identifizieren, dessen temperaturbezogene Herstellerdaten beschaffen und dann die Verlustrechnung mit klar benannten Szenarien wiederholen. So bleibt die Modellunsicherheit sichtbar, ohne die normative oder praktische Kabeldimensionierung mit einer bloßen Verlustrechnung zu verwechseln.