Wetterjahr und Langzeitmittel in Solarprognosen: zwei verschiedene Aussagen
08.10.2026
Ein einzelnes Wetterjahr zeigt die Einstrahlung und den möglichen PV-Ertrag unter den Bedingungen genau dieses Jahres. Ein Langzeitmittel glättet Schwankungen über mehrere Jahre. Ein typisches meteorologisches Jahr wiederum setzt sich aus ausgewählten Monaten zusammen und ist kein tatsächlich beobachtetes Kalenderjahr. Wer diese Größen auseinanderhält, kann Ertragsprognosen besser einordnen und Abweichungen sachgerecht beurteilen.
Zwei Kennzahlen, zwei Fragen
Ein Wetterjahr beschreibt die Einstrahlung oder den Ertrag unter den Bedingungen eines bestimmten Jahres. Das kann ein außergewöhnlich sonniges, ein trübes oder ein eher durchschnittliches Jahr sein. Ein Langzeitmittel beantwortet eine andere Frage: Welcher Jahresertrag ist über eine mehrjährige Datengrundlage im Mittel zu erwarten? Es glättet die Unterschiede zwischen einzelnen Jahren, beseitigt sie aber nicht. Für eine PV-Anlage ist deshalb ein einzelner Jahreswert keine sichere Erwartung für jedes kommende Jahr. PVGIS berechnet Monats- und Jahreswerte über die zeitliche Abdeckung der gewählten Strahlungsdatenbank und kann zusätzlich die jährliche Streuung ausweisen ([PVGIS: netzgekoppelte PV](https://joint-research-centre.ec.europa.eu/photovoltaic-geographical-information-system-pvgis/using-pvgis-5/pvgis-5-tools/grid-connected-pv_en)).
Das typische meteorologische Jahr ist kein normales Kalenderjahr
Der Begriff „typisches meteorologisches Jahr“ klingt nach einem besonders repräsentativen, tatsächlich erlebten Jahr. Im PVGIS-Verfahren entsteht es jedoch aus ausgewählten Monaten: Für jeden Monat wird aus dem verfügbaren Zeitraum ein möglichst typischer Monat gewählt. Bei der Auswahl zählen Globalstrahlung, Lufttemperatur und relative Feuchte ([JRC: PVGIS-Handbuch](https://joint-research-centre.ec.europa.eu/photovoltaic-geographical-information-system-pvgis/using-pvgis-5/pvgis-5-user-manual_en)). So entsteht eine durchgehende Stundenreihe für Modellrechnungen, aber kein originales Wetterjahr, dessen Januar bis Dezember gemeinsam beobachtet wurden. Ein TMY eignet sich etwa, wenn eine Berechnung stündliche Wetterwerte benötigt. Er ist nicht dasselbe wie der gemessene Ertrag des letzten Jahres und sollte nicht als Prognose für das nächste Kalenderjahr gelesen werden.
Für den erwarteten Jahresertrag zählt die mehrjährige Basis
Wer eine Jahresprognose beurteilt, sollte zuerst klären, ob die Zahl einen einzelnen Zeitraum oder einen Mittelwert über mehrere Jahre darstellt. PVGIS beschreibt seine netzgekoppelte Ertragsrechnung als Auswertung der vollständigen zeitlichen Abdeckung der gewählten Strahlungsdatenbank. Neben Mittelwerten gibt es dort eine Standardabweichung, die die Variation der jährlichen Erträge sichtbar macht ([PVGIS: Ergebnisse und Streuung](https://joint-research-centre.ec.europa.eu/photovoltaic-geographical-information-system-pvgis/using-pvgis-5/pvgis-5-tools/grid-connected-pv_en)). Praktisch ist das hilfreicher als eine scheinpräzise Einzelzahl: Der Mittelwert ist eine Planungsgröße, die Streuung erinnert daran, dass reale Jahre davon abweichen können. Prüfen Sie außerdem, welche Strahlungsdatenbank und welcher Zeitraum für die Rechnung verwendet wurden; das sind Bestandteile der Annahmen, nicht bloße Fußnoten.
Ein Beispiel zur Einordnung einer Abweichung
Angenommen, eine illustrative Modellrechnung weist für eine Anlage im Mittel 1.000 Kilowattstunden je Kilowattpeak und Jahr aus. Ein konkretes, wolkenreicheres Wetterjahr mit 920 Kilowattstunden je Kilowattpeak läge dann rechnerisch 8 Prozent unter diesem Mittel. Das Beispiel ist bewusst hypothetisch: Es zeigt nur, warum die Differenz zwischen einem Einzeljahr und einem Mehrjahreswert nicht automatisch einen Rechenfehler bedeutet. Für eine reale Anlage müssten unter anderem Standort, Ausrichtung, Verschattung, Anlagenauslegung und die tatsächlich zugrunde gelegten Einstrahlungsdaten passen. Entscheidend ist der Vergleich gleicher Größen: AC-Ertrag mit AC-Ertrag, derselbe Zeitraum und dieselbe Anlagenkonfiguration.
Einstrahlungsdaten haben Grenzen
Langjährige Datensätze sind nicht gleichbedeutend mit lückenlosen Bodenmessungen direkt am Dach. Die JRC erläutert, dass hochwertige bodengestützte Strahlungsmessungen vergleichsweise selten sind; deshalb werden für große Flächen auch Satellitendaten genutzt. Deren Auswertung kann in Sonderfällen danebenliegen: Schnee am Boden kann in Satellitenbildern als Wolke erscheinen ([JRC: Datenquellen und Berechnungsmethoden](https://joint-research-centre.ec.europa.eu/photovoltaic-geographical-information-system-pvgis/general-information/data-sources-calculation-methods_en)). Abweichungen zwischen Prognose und Jahresabrechnung können folglich sowohl mit dem Wetter als auch mit den Daten und den Anlagenannahmen zusammenhängen. Eine einzelne Abweichung beweist für sich allein weder, dass die Langzeitprognose falsch ist, noch dass die Anlage mangelhaft arbeitet.
Was Sie beim Vergleichen notieren sollten
Halten Sie bei Angeboten oder Ertragsberichten mindestens fest: Bezieht sich der Wert auf ein konkretes Wetterjahr, einen mehrjährigen Mittelwert oder ein TMY? Welcher Zeitraum und welche Strahlungsdatenbank liegen zugrunde? Wird der Ertrag als Monats- oder Jahreswert angegeben, und ist eine Streuung genannt? Passt die Modellanlage zur tatsächlichen Dachausrichtung und zu lokalen Schatten? Ein TMY kann Stundenprofile für eine Modellierung liefern; für die Erwartung eines typischen Jahresertrags ist dagegen der mehrjährige Mittelwert samt Schwankungsmaß die passendere Einordnung. Beides ergänzt sich, ersetzt sich aber nicht.